Es beginnt mit einem Blatt. Moyo (7) und Yeliz (5) hocken neben einem schmalen Rinnsal, dort, wo das Wasser seitlich in den Bach läuft. Wir stehen im Ratschingstal, einem Südtiroler Seitental oberhalb der italienischen Kleinstadt Sterzing. Unsere Kinder lassen je ein Buchenblatt aufs Wasser fallen und rennen ihm nach, dem Lauf entlang, um zu sehen, wohin die Strömung es trägt. Dann das nächste. Und das nächste. Wer in Ratschings mit Kindern wandern möchte, merkt schnell, dass Wasser hier der größte Motivator ist. „Können wir noch länger bleiben? Das macht so viel Spaß, hier zu spielen“, ruft Moyo. Kein Spielzeug, keine App, kein Eintritt – ein Rinnsal und ein paar Blätter reichen.

Wandern mit Kindern wird in Ratschings zum Familienabenteuer
Wir freuen uns, dass so wenig genügt. Wer mit kleinen Kindern reist, kennt die Sorge, sie könnten quengeln, sobald es nicht weitergeht. Gerade bei einem Wanderurlaub mit Kindern ist das Gemecker häufig vorprogrammiert. Hier in Ratschings nicht – hier kommt weder Langeweile noch Unmut auf. Das Wasser nimmt uns während unserer Urlaubstage die Frage ab, womit sich die Kinder beschäftigen können.

Wasser gibt es in Ratschings reichlich. Drei Ferientäler umfasst die italienische Gemeinde: Ratschings, Ridnaun und das Jaufental. Zusammen bilden sie eine der schönsten Familienregionen Südtirols. Sie alle zweigen bei Sterzing vom Wipptal ab, dem Haupttal, das vom Brenner herunterzieht. Sterzing, die nördlichste Stadt Italiens, ist das Tor zu allen dreien, und in jedem rauscht ein Bach talwärts. Dasselbe Wasser hat vor Jahrtausenden Schluchten in den Fels geschnitten, es belebt heute Kneippbecken und Wasserspiele, und es hat das Tal über Jahrhunderte ernährt. Drei Tage lang folgen wir ihm.
Ausflugsziel in Ratschings: die Gilfenklamm
Der eindrücklichste Ort ist die Gilfenklamm bei Stange, eine der wenigen begehbaren Marmorschluchten Europas. Der Ratschinger Bach hat sich über Jahrtausende durch einst reinweißen Marmor gefräst, denselben Stein, aus dem man Teile von Schloss Schönbrunn in Wien baute. Über Holzstege und schmale Brücken geht es treppauf, immer am Wasser, das an einem 15 Meter hohen Wasserfall hinabstürzt. „Das werde ich schaffen“, ruft Yeliz, nimmt die steilen Stufen mit Anlauf. Und schafft es.

„Ich liebe die Urgewalt des Wassers“, sagt meine Frau Sue, als wir auf einer der Brücken stehen und es unter uns schäumt. Tropfen sprühen ins Gesicht, mitten im Sommer ist es hier schattig und kühl, und die Wände glitzern, weil im Marmor feine Kristalle sitzen. Gut eine Stunde dauert der Weg. Zwischen flachem Wanderweg, steilen Natursteintreppen und engen Gassen am Fels entlang ist alles dabei.

Erschlossen hat die Klamm Ende des 19. Jahrhunderts die Sterzinger Sektion des Alpenvereins, eröffnet wurde sie 1898. Eine Sage gehört dazu: Den Graben soll der Teufel gerissen haben, als er Pfeifer Huisile holte, den Hexenmeister, der um 1620 im Tal zur Welt kam und in Südtirol bis heute als eine Art Tiroler Faust gilt. Dieser Hexenmeister wird uns auf dieser Reise noch ein paar Mal begegnen.

Familienhighlight in Ratschings: der Pfeifer-Huisele-Weg mit Barfußpfad
Wasser muss nicht tosen, um Kinder zu fesseln. Am Pfeifer-Huisile-Weg, der sechs Kilometer durchs Ratschingstal zieht, nehmen wir nur das familienfreundlichste Stück: einen Barfußpfad von rund einem Kilometer, direkt am Wanderweg. Mal Gras unter den Füßen, mal glatter Marmor, mal Kies, mal Holz. Am Ende wartet eine Kneippstation mit eiskaltem Bergwasser, daneben eine Liegebank am Fluss. Das Wasser steigt bis über die Waden. Es ist eiskalt, aber Yeliz und Moyo stampfen durch das Becken – und Sue und ich hinterher.

Hier, am Rinnsal neben der Station, lässt Moyo die anfangs erwähnten Blätter schwimmen. Wieder und wieder, Blatt um Blatt, und niemand drängt zum Weitergehen.
Sterzing in Südtirol: Markt, Brot und ein Tisch in der Sonne
Nicht alles in diesem Wanderurlaub ist Berg und Bach. Ein Vormittag gehört Sterzing, der alten Fuggerstadt, in der die Augsburger einst Silber aus den Bergen holten. Laubengänge, historische Erker und der 46 Meter hohe Zwölferturm von 1472 warten im Zentrum der Stadt auf uns, in der rund 7.000 Menschen leben. Freitags steht hier von neun bis eins der Bauernmarkt, von April bis Oktober, und auf die Tische kommt nur, was aus dem Wipptal stammt.

Wir sitzen unter einem weißen Schirm am Stadtplatz, einen Cappuccino vor uns, 28 Grad um elf Uhr, im Hintergrund die Berge. An einem kleinen Stand treffen wir auf Mathilde Baldauf. Sie verkauft Brötchen mit Apfelstücken, Kürbiskern, Roggen, Dinkel oder Hafer. „Ich komme jeden Freitag, bis in den Oktober”, sagt sie. In ihrem kleinen Familienbetrieb in Brixen, rund eine halbe Stunde von Sterzing entfernt, backt sie ihre Brötchen. Für Yeliz und Moyo ist der Markt mehr als ein Einkauf: Sie dürfen probieren und ein Brot in die Hand nehmen, das jemand am Morgen von Hand geknetet hat.

BergErlebnisWelt Ratschings-Jaufen: Mix aus Wandern, Spiel und Abenteuer
„Können wir heute endlich mit der Gondelbahn fahren?”, fragt Moyo an einem Morgen, als wir den Tag planen. Also lassen wir das Tal unter uns. Mit der Panorama-Gondel der Bergbahn Ratschings-Jaufen schweben wir auf rund 1.800 Meter, dorthin, wo im Winter die Skifahrer die Piste für sich einnehmen.

Im Sommer wartet oben die BergErlebnisWelt, ein Rundweg von etwa 45 Minuten, den auch ein Kinderwagen schafft. Yeliz und Moyo kriechen durch die Gänge der Murmeltierwelt, entdecken eine Riesenameise aus Holz und ein kleines Moor, dazwischen Wasserspiele und eine Riesenrutsche. Über allem steht ein hoher Aussichtsturm; von oben reicht der Blick weit ins Tal.

An der Talstation holen wir eine Schatzkarte und folgen per App der Geschichte des Pfeifer Huisile, der seine rote Zauberfeder verloren hat. „Können wir die Feder dann mit nach Hause nehmen?“, fragt Yeliz, die hofft, sie als Erste zu finden. Zwischen Suche, Rutsche und Wasser vergeht der Vormittag wie nichts.

Familienwanderung: die Burkhardklamm im Ridnauntal
Wasser ist hier nicht nur zum Spielen da. Im Ridnauntal hat es die Menschen über Jahrhunderte ernährt. An seinem Ende, bei Maiern, beginnt am Bergbaumuseum die Burkhardklamm, durch die zwei Wasserfälle stürzen; der Weg ist mit Stegen und Plattformen gesichert. Wir steigen am späten Nachmittag auf, als die Schlucht schon im Schatten liegt und uns kaum jemand mehr begegnet.

Moyo bleibt an einer Plattform stehen und sieht dem Wasser nach. „Toll, wie schnell der Fluss hier vorbeirauscht.” Wer weiter aufsteigt, erreicht nach gut anderthalb Stunden die Aglsbodenalm auf 1.720 Metern und kann einkehren. Soweit schaffen wir es an diesem Spätnachmittag aber nicht.

Das Museum am Eingang erzählt die andere Geschichte des Wassers. Hoch über dem Tal, am Schneeberg, gruben Knappen vor rund 800 Jahren nach Silber, Blei und Zink, in einem der höchstgelegenen Bergwerke Europas, auf über 2.000 Metern. Erst 1985 endete der Betrieb. Wo heute Familien wandern, war über Jahrhunderte harte Arbeit. Wer das weiß, hört das Rauschen hier oben anders.

Toll für Eltern mit Kindern: der Birgl-Wanderweg mit Abenteuerplatz
Auf dem Rundweg Birgl im Jaufental haben wir ein festes Ziel. Der Weg ist gut 2,5 Kilometer lang und führt durch ein ruhiges Seitental mit schattigem Wald. Etwa auf halber Strecke liegt ein neuer Rast- und Spielplatz, den es erst seit dem vergangenen Herbst gibt.

Von dort blickt man weit ins Jaufental, dazu gibt es einen Balancierparcours zwischen den Bäumen, eine Kletterkuppel und ein Nest zwischen den Baumstämmen. Hier feiern wir meinen Geburtstag. Sue und die Kinder haben aus Süßigkeiten einen kleinen Kuchen kreiert, dann verstecken Yeliz und Moyo ihre selbst gemalten Bilder zwischen den Seilen, und ich darf sie suchen. Einen ruhigeren, schöneren Geburtstag kann ich mir nicht vorstellen.

Fazit: Wandern mit Kindern in Ratschings bedeutet Natur, Abenteuer und ganz viel Wasser
An unserem letzten Abend sitzen wir nach dem Abendessen auf dem Balkon unserer Pension. Über uns ein Sternenhimmel, wie ihn Kinder aus der Stadt selten sehen. Wir denken zurück. Drei Tage lang sind wir Schluchten hinaufgestiegen, haben kalte Becken durchwatet und zwei Wasserfällen zugehört – und was bleibt, ist das Einfachste: glückliche Kinder auf den Spielplätzen und im kalten Wasser, dazu Blätter, die auf der Strömung davontreiben. In Ratschings mit seinen drei Ferientälern muss man Kindern wenig bieten. Das Wasser macht den Rest.

Wandern mit Kindern in Ratschings – die wichtigsten Infos
Anreise nach Ratschings
Ihr erreicht Ratschings über den Brenner, fahrt bis nach Sterzing (A22) und von dort in wenigen Minuten ins Ratschings-, Ridnaun- oder Jaufental.
Unterkunft für Familien in Ratschings
In der Gemeinde Ratschings gibt es zahlreiche familienfreundliche Unterkünfte. Lumao-Autor Rouven war mit seiner Familie in der Pension Rosenheim in Innerratschings, ein familiäres Drei-Sterne-Haus, fünf Gehminuten zur Talstation. Gäste nutzen die Wellnessbereiche der beiden Vier-Sterne-Schwesterhotels (Hallenbäder, Pools, Sauna) mit, das Abendessen wird dort serviert.
Weitere Infos zur Gilfenklamm (Stange):
Eintritt 8 € (Erwachsene), 5 € (Kinder 6–13 J.), täglich 9–17 Uhr, im Juli/August bis 18 Uhr. Nicht kinderwagentauglich, festes Schuhwerk und freie Hände sind ratsam.

Weitere Infos zum Pfeifer-Huisile-Weg / Barfußpfad:
Rund einen Kilometer barfuß, Kneippbecken am Ende, Liegebank am Fluss. Start z. B. beim Pulvererhof, Tagesparkplatz rund 5 €.
Weitere Infos zu den Bergbahnen Ratschings-Jaufen mit BergErlebnisWelt:
Panorama-Gondel von Innerratschings (rund 1.300 m) zur Bergstation auf rund 1.800 m, Sommerbetrieb 30. Mai bis 4. Oktober 2026. Der Erlebnis-Rundweg oben dauert etwa 45 Minuten und ist kinderwagentauglich. An der Talstation gibt es die Schatzkarte zur Pfeifer-Huisile-Schatzsuche per kostenloser App „Locandy“.
Weitere Infos zur Burkhardklamm (Ridnaun/Maiern):
Einstieg am Landesbergbaumuseum in Maiern (1.417 m), kostenloser Parkplatz. Der Steig durch die Schlucht ist mit Brücken und Plattformen gesichert, mittelschwer und trittsicher, nicht kinderwagentauglich. Bis zur Aglsbodenalm (1.720 m) sind es gut anderthalb Stunden; dort und in der Knappenstube am Museum lässt sich einkehren.

Weitere Infos zum Rundweg Birgl (Jaufental):
Parken unterhalb der Pfarrkirche zur heiligen Ursula in Mittertal, Spielplatz mit Talblick auf halbem Weg.
Weitere Infos zum Bauernmarkt Sterzing:
Freitags 9–13 Uhr, April bis Oktober, auf dem Stadtplatz.
Weiterführender Link:
Weitere Tipps und Inspirationen zum Wanderurlaub in Ratschings in Südtirol findet ihr hier.















