Der Roadtrip im Überblick
Route: Dublin – Waterford – Cork – Kenmare – Ennistimon – Dublin
Dauer: zehn Tage
Gefahrene Kilometer: ca. 900 km
Übernachten: ein Mix aus Hotels und Pensionen (Bed & Breakfast)
Tief unter uns liegt Dublin, erstreckt sich wie ein Meer aus Häusern bis zum Horizont. Manche Gebäude sind modern mit riesigen Glasfronten, andere steinerne Zeugen längst vergangener Zeit. Dazwischen: ein Netz aus Straßen mit signalfarbenen Doppeldeckerbussen, grünen Parks und dem fast schwarzen Liffey-River, der sich durch die irische Hauptstadt schlängelt. „Irgendwie hab ich mir Irland anders vorgestellt, nicht so großstädtisch“, sagt mein Sohn Tom (12) neben mir.

Wir befinden uns auf der Aussichtsplattform des 60 Meter hohen „Generators“, ehemaliger Schornstein der Jameson Distillery, und bestaunen die irische Metropole aus der Vogelperspektive. Es stimmt, wenn ich mir Irland vorstelle, denke ich an steile Klippen, an Steinkreise, Burgen und eine plüschgrüne Natur – und weniger an die durchaus sehenswerte Hauptstadt. Aber all das werden wir in den nächsten Tagen entdecken, sage ich mir im Stillen. Schließlich stehen wir erst am Anfang unserer Reise und Irland liegt noch vor uns: reich an Schätzen und Natur.

Irland – romantisches Sehnsuchtsziel und perfekt für Roadtrips
Die grüne Insel. Das westlich von England liegende Eiland trägt seinen Beinamen nicht grundlos. Schließlich leben hier gerade einmal fünf Millionen Menschen. Da bleibt viel Platz für üppige Landschaften, sanfte Hügel und endlos weite Ebenen. Die überschaubare Größe des Landes ist wie geschaffen dafür, die Insel bei einem Roadtrip zu erkunden. Das ist auch unser Plan: Zehn Tage lang wollen wir uns mit dem Auto in den Linksverkehr wagen und etappenweise den südlichen Teil Irlands kennenlernen.

Und so romantisch die Vorstellung auch sein mag, sich einfach treiben zu lassen – mit Kindern ist das schwierig. Zumal bei diesem Urlaub nicht nur mein Mann, unsere zwei Kinder und ich an Bord sind, sondern auch noch Oma, Opa, Schwestern und Co. Ein zehnköpfiger Drei-Generationen-Roadtrip – das setzt eine gewisse Planung voraus. Also hatten wir die Route im Vorweg festgelegt und Unterkünfte gebucht. Und wir hatten uns auf einen Start- und Endpunkt der Reise geeinigt: Dublin.
Dublin – Irlands quirlige Hauptstadt
Und genau da sind wir jetzt: in der Stadt der Dichter und Musiker. Vom Aussichtsturm des Generators spazieren wir weiter, vorbei an Häusern mit bunten Türen, an etlichen Pubs, aus denen Folkmusik auf die Bürgersteige wabert.

Wir bestaunen die Christ Church, mittelalterliches Wahrzeichen der Stadt, schlendern an der St. Patrick’s Cathedral und dem Dublin Castle vorbei, bis wir vor einem weiteren Sightseeing-Highlight stehen: der Statue von Molly Malone, der Legende nach ein Fischermädchen aus dem 17. Jahrhundert. „Warum sind ihre Brüste wohl so blank poliert?“, frage ich in die Runde und stelle grinsend fest, dass eigentlich alle in ihren recht tiefen Ausschnitt schauen. Ein Blick in den Stadtführer liefert die nötige Erklärung: Es soll Glück bringen. Fremden Frauen an den Busen fassen? „Wir sind auch so glücklich“, sind sich Tom, seine Schwester Jette (14) und ihr Cousin Tjark (11) einig und ziehen uns weiter durch die pulsierenden Straßen dieser schönen Stadt.

Eine irische Naturschönheit: der Wicklow Mountains National Park
Am nächsten Tag zeigt sich Irland wie aus dem Bilderbuch. Wir lassen Dublin hinter uns, fahren ein Stück Richtung Süden in den Wicklow Mountains National Park. Unser erster Halt: der Powerscourt-Waterfall, Irlands höchster Wasserfall, eingebettet in eine smaragdgrüne Naturkulisse. Eigentlich so schön, dass man hier einen ganzen Tag verbringen könnte, aber es zieht uns weiter.

Nur ein kurzes Stück, dann setzen wir wieder den Blinker. Links von der Straße liegt tief im Tal der rabenschwarze Lough Tay. „Da wohnt bestimmt ein Seeungeheuer drin“, unkt mein Mann Jan. Und ganz ehrlich: In dieser mystischen Landschaft fällt es nicht schwer, an Kobolde, Feen und andere irische Sagengestalten zu glauben. Auch, als wir auf der anderen Straßenseite in den Ballinastoe-Wood eintauchen und auf hölzernen Planken durch den dunklen Wald laufen, würde es kaum wundern, wenn ein vorwitziger Troll zwischen den Baumwurzeln hervorlugt. Ich mag das – diese ursprüngliche Natur, bei der man sich vorstellen kann, dass hier schon viele Generationen vor uns langgelaufen sind mit genau dem gleichen Bild vor Augen.

Irische Geschichte hautnah: der Irish National Heritage Park in Wexford
Um genau diese Generationen geht es beim letzten Programmpunkt des Tages: der Irish National Heritage Park. Ausgestattet mit einem Audioguide spazieren wir durch das riesige Freilichtmuseum, vorbei an Lehmhütten, einem frühchristlichen Kloster und vielen weiteren rekonstruierten Bauwerken, die auf eine Zeitreise in 9.000 Jahre irische Geschichte mitnehmen.

„Stellt euch mal vor, wir würden zu Zeiten der Wikinger leben. Dann säßen wir jetzt in einer zugigen Hütte aus Flechtwerk und mit Strohdach“, sagt meine Schwester Birgit abends, als wir wie jeden Abend in einem gemütlichen Pub sitzen, der Livemusik lauschen und die Eindrücke des Tages Revue passieren lassen – natürlich stilecht bei einem Guinness.

Ein Must-visit bei einem Irland-Roadtrip: die hübsche Hafenstadt Cork
„Hier steht, dass in den Zellen des Stadtgefängnisses vor allem Frauen waren“, übersetze ich den englischen Text auf der Schautafel vor dem Eingang des Cork City Goal. Am nächsten Tag und eine gut zweistündige Autofahrt später stehen wieder Kultur und Sightseeing auf dem Programm. Unsere Route führte uns die Küste entlang in die zweitgrößte Stadt des Landes: Cork.

Und hier gibt es ein touristisches Highlight, das irische Geschichte mit einem kleinen Gruselfaktor paart – das City Gaol, von außen fast mit einem Schloss zu verwechseln, von innen schauriges und – dank originalgetreu eingerichteter Zellen und Wachsfiguren als Insassen und Wärter – auch ein sehr eindrucksvolles Zeugnis der Vergangenheit.

Nach dem ergreifenden Besuch hinter dicken Gefängnismauern ist es Zeit für frische Luft und ein anderes Kapitel Geschichte. Wie gut, dass nur wenige Kilometer nordwestlich von Cork Blarney Castle liegt, ein Turmhaus aus dem 15. Jahrhundert, umgeben von herrschaftlichen Gärten mit Höhlen, verwunschen wirkenden Bäumen und einem stattlichen Herrenhaus.

Schroffe Klippen, wilde Inseln, bunte Städte – Roadtrip über den Wild Atlantic Way
Die Tage fliegen dahin wie die Kilometer, die wir hinter uns lassen. Ab Cork fahren wir auf dem Wild Atlantic Way, eine insgesamt rund 2.600 Kilometer lange Route entlang der Westküste Irlands. Wir besuchen Kinsale und Kenmare mit ihren farbenfrohen Häusern, wandern entlang der Kilkee Cliffs und den in unseren Augen weniger spektakulären, aber deutlich berühmteren Klippen Cliffs of Moher.

Wir erkunden magische Steinkreise, alte Festungen, springen am Lahinch Beach in die kühlen Fluten und gondeln mit Irlands einziger Seilbahn von der Halbinsel Beara rüber zur wilden, kaum bewohnten Dursey Island. Und Stopp für Stopp wächst unsere Begeisterung, verlieben wir uns Tag für Tag ein bisschen mehr in die Schönheit Irlands.

Burren Nationalpark – ein Highlight Irlands auch bei schlechtem Wetter
„Jetzt hatten wir den ganzen Urlaub so viel Glück mit dem Wetter – und nun so ein Schietwetter am letzten Tag“, stöhnt mein Vater, zieht sich sein Regencape über, während der Regen aufs Autodach prasselt und wir den Parkplatz vom Burren Nationalpark nur schemenhaft erkennen. Heute, am letzten Tag unseres Roadtrips, zeigt sich das irische Wetter wirklich klischeehaft: mit strömendem Regen und dichten, grauen Wolken.

„The Burren“ oder irisch „Boireann“ lässt sich übersetzen mit „steiniger Platz“. Und diese Bezeichnung beschreibt die bizarre Kalksteinlandschaft sehr treffend. Vor uns erstreckt sich eine riesige Karstlandschaft aus schwarzen Felsen. „Sowas habe ich ja noch nie gesehen“, sage ich staunend zu meiner Familie.

Fazit: ein Familien-Roadtrip durch Irland macht glücklich
Der etwa sechs Kilometer lange Rundwanderweg hat es in sich, vor allem jetzt, wo die Felsplatten durch den Regen rutschig sind. Es geht bergauf und bergab, über Stock und Stein. Und trotzdem höre ich: nichts! Kein Murren und Gemecker, sondern nur die magische Ruhe einer faszinierenden Landschaft. Und während wir, die Kapuzen unserer Regenjacken tief ins Gesicht gezogen, über die glänzende Felslandschaft wandern, muss ich an den Beginn unserer Reise und die Worte der Kinder vor der Molly-Malone-Statue denken. Es stimmt – wir sind auch ohne die verheißene Unterstützung des Fischermädchens glücklich.

Genau genommen strotzte dieser Urlaub nur so vor Glücksmomenten. Und auch jetzt, wo es regnet und der anspruchsvolle Weg ein bisschen in den Waden kneift, haben wir alle ein glückliches Lächeln im Gesicht. Ja, Irland, diese malerische Insel, beseelt, überrollt einen mit ihrer Schönheit und Gastfreundschaft. Und ganz ehrlich: Wer braucht da schon eine Schönwettergarantie? Eben!














