„Der Bahnhof ist ja riiiiesig, ein bisschen wie so eine Science-Fiction-Stadt“, staunt meine Tochter Jette (14), lässt ihren Blick über Rolltreppen, gläserne Aufzüge, leuchtende Schaufenster und viele, viele Menschen schweifen. „Wie kann es hier denn Gleise auf mehreren Etagen geben?“, wundert sich auch ihr Bruder Tom (12), schaut ebenfalls noch ein bisschen skeptisch auf das hoch über uns liegende Kuppeldach. Willkommen im Großstadtdschungel Berlins! Gerade hat uns der ICE am Hauptbahnhof ausgespuckt und der vierstöckige Turmbahnhof lässt schon erahnen, was die nächsten Tage auf uns zukommt: ein Wochenende in einer trubeligen, modernen Weltstadt.

Berlin mit Kindern – Großstadtwahnsinn oder Must-visit?
Berlin – nicht nur die größte, sondern mit rund 3,8 Millionen Einwohnern auch die bevölkerungsreichste Stadt Deutschlands. Ein Kurztrip mit Kindern in diese Millionen-Metropole – ist das eine gute Idee? Ist Berlin nicht zu groß, zu laut, zu stressig? Meine Schwester Birgit und ich hatten alle Bedenken weggewischt, den Entschluss gefasst, dass ein Besuch Berlins als einer der wohl wichtigsten Schauplätze deutscher Geschichte irgendwie zum Pflichtprogramm gehört.

Dass zu einem Kurztrip in Berlin auch eine kleine Portion Großstadtwahnsinn gehört, merken wir, als wir umringt von Touristentrauben und hektischen Einheimischen die Tourist-Information von Visit Berlin anpeilen. Hier gibt es die Welcome-Card, ein Touristenticket, mit dem wir die nächsten 48 Stunden kreuz und quer durch die Stadt fahren und vergünstigt die Attraktionen besuchen können.

Das Ticket kommt direkt zum Einsatz: Mit der Tram fahren wir nach Moabit, ehemaliges Arbeiterviertel und heute lebendiges Szeneviertel. Mitten in diesem Kiez liegt das Schultheiss-Quartier, in dem sich unser Urlaubsdomizil befindet: das Meininger Hotel Berlin Tiergarten.

Nach einem Blick in die stylische Hotel-Bar mit Tischkicker und Co steht unser Plan fest: Diesen Abend gehen wir nicht mehr auf Sightseeing-Tour, sondern werden eines der hippen Restaurants des Viertels besuchen und es uns anschließend im Hotel gemütlich machen.
Berlin-Urlaub – auf den Spuren deutscher Geschichte
„Das ist so krass, dass hier mal eine Mauer stand“, mein Neffe Tjark (11) schaut ungläubig auf das Hinweisschild. Es ist der nächste Morgen und unser Tag startet mit einem Spaziergang auf den Spuren der Geschichte. Genauer gesagt: auf der 5,7 Kilometer langen Doppelreihe Pflastersteine, die ein Stück des ehemaligen Verlaufs der Berliner Mauer kennzeichnet. Unser erster Punkt auf der Bucketlist: der Reichstag mit seiner riesigen Glaskuppel.

Nur ein paar Schritte dahinter windet sich die Spree durch das Regierungsviertel. „Was sind denn das für Kreuze am Ufer?“, will meine Tochter Jette wissen, findet die Antwort gleich darauf auf den Kreuzinschriften. Die acht weißen Kreuze erinnern stellvertretend an die vielen Menschen, die bei ihren Fluchtversuchen ihr Leben ließen – unter anderem an dieser Stelle, denn die Spree gehörte damals zu Ost-Berlin, das südliche Ufer aber zu West-Berlin.

Noch beklemmender wird es, als wir kurze Zeit später das Holocaust-Mahnmal erreichen. Das Denkmal mit seinem wellenförmigen Feld aus über 2.700 Betonstelen soll den bis zu sechs Millionen jüdischen Holocaust-Opfern gedenken. Ein bedrückender Ort – und ich frage mich im Stillen, ob wir den Kindern eigentlich zu tiefe Geschichtseinblicke geben. So viel steht fest: Berlin bewegt, macht nachdenklich. Und während wir weiter Richtung Brandenburger Tor schlendern, löchern uns die Kinder mit Fragen, dass mancher Geschichtslehrer neidisch wäre. Geschichte zum Anfassen ist eben doch realer und eindrücklicher als trockene Lehrbücher …

Das Deutschlandmuseum – 12 Epochen im Schnelldurchlauf
Das merken wir auch keine halbe Stunde später, als wir am Leipziger Platz unser nächstes Highlight ansteuern: das Deutschlandmuseum. Die Kinder sind beim Namen des Museums nicht begeistert. Noch mehr Geschichte? Noch mehr Kultur? Das ändert sich umgehend, als wir das Drehkreuz am Eingang passieren und plötzlich mitten in einem dunklen Wald stehen. Bäume ragen neben uns in den Himmel, wir spüren den weichen Waldboden unter unseren Füssen, hören das Zwitschern von Vögeln und riechen den intensiven Duft nach Tanne. Neben uns schleichen sich Germanen durch die Büsche, in der Ferne sehen wir römische Legionäre. Kurz: Wir befinden uns mitten in der Varusschlacht vor rund 2.000 Jahren.

Dieser Wendepunkt deutscher Geschichte steht für die erste von insgesamt zwölf Epochen, durch die man im Deutschlandmuseum reist. Das Besondere an diesem Museum: Wir befinden uns mitten im Geschehen, erleben Geschichte in 4D. Und so schauen wir auf dem etwa einstündigen Rundweg bei mittelalterlichen Ritterturnieren zu, versetzen uns in die Zeit der Reformation, befinden uns mitten in einem Schützengraben, tanzen durch die Goldenen Zwanziger und bekommen ein mulmiges Gefühl in der Zeit des Nationalsozialismus. Geschichte im Schnelldurchlauf – von der Antike bis zur Wiedervereinigung. „Das war richtig gut“, sind sich alle drei Kids am Ende unserer kleinen Zeitreise einig.

Berlin ist reich an Familien-Attraktionen
Das stimmt! Und das Deutschlandmuseum ist nicht das einzige familientaugliche Kulturangebot in Berlin. Insgesamt verteilen sich mehr als 170 Museen über die Metropole, dazu mehrere Kindertheater und weitere Familienattraktionen wie den Zoo, das Legoland Discovery Centre, die Miniaturwelt Little Big City und vieles, vieles mehr. Unmöglich, alles an einem Wochenende zu entdecken! Aber ein Highlight schaffen wir an diesem Tag noch. „Wie wär’s, wenn wir noch ein paar Berühmtheiten treffen? In Berlin soll es ja an Promis nur so wimmeln“, schlägt meine Schwester Birgit mit einem Augenzwinkern vor, „und ich weiß auch, wo sie sich alle rumtreiben.“

Ein Muss für Eltern mit Kindern: Madame Tussauds in Berlin
„Guckt mal, da ist Ed Sheeran“, sage ich zu den Kindern. Birgit hat nicht zu viel versprochen: Kaum sind wir „Unter den Linden“ treffen wir auf das Who’s who der Reichen und Schönen. Zugegeben, nicht aus Fleisch und Blut … In Berlins berühmter Straße befindet sich das legendäre Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds. Wir machen Selfies mit Marlene Dietrich und Angela Merkel, grölen mit Wincent Weiss ins Mikro, legen uns bei Sigmund Freud auf die Couch und bei Tatort-Rechtsmediziner Jan-Josef Liefers auf die Stahlliege und knacken Auge in Auge mit Günter Jauch die Eine-Million-Euro-Frage. „Darf ich euch vorstellen, das ist Marie Tussaud. Sie hat 1835 das erste Wachsmuseums in London eröffnet“, stelle ich kurz vorm Ende des Rundgangs die wächserne Dame neben mir vor und erwische mich bei dem Gedanken, wie so ein Besuch wohl vor der Zeit von Smartphones, Instagram und Co aussah …

Der Panoramapunkt im Kollhofftower: Berlin aus der Vogelperspektive
Das Smartphone ist auch am letzten Urlaubstag unser ständiger Begleiter – Berlin ist einfach reich an Fotomotiven. „Instagramable“ würden unsere Kinder sagen. Wir hatten schon früh im Meininger ausgecheckt, unsere Koffer in einem Schließfach am Hauptbahnhof deponiert und dann den Bus zum Potsdamer Platz genommen. Eine Handvoll bunt besprayter Mauerreste vor dem Bahnhof des trubeligen Platzes erinnern daran, dass hier einst Grenzgebiet war.

Ein Gebäude davon ist unser nächstes Ziel: der Kollhofftower mit dem Panoramapunkt in der obersten Etage. Mit dem „schnellsten Fahrstuhl Europas“ fahren wir innerhalb von 20 Sekunden zur Aussichtsplattform auf 90 Meter Höhe. Kurz darauf bereitet sich Berlin unter uns aus: Siegessäule und Tiergarten, die Kuppeln von Reichstag, Berliner Dom und Synagoge, das Berliner Tor mit der Siegesgöttin Victoria und, und, und. Berlin, so weit das Auge reicht. „Schaut mal, da hinten sieht man den Fernsehturm am Alexanderplatz. Da fahren wir jetzt schnell noch hin, bevor es wieder nach Hause geht.“

Fazit: Berlin ist top für Familien mit älteren Kindern
„Puh, das war mal ein richtig volles Wochenende. Man kann nicht unbedingt behaupten, dass Berlin entschleunigt“, ich fläze mich neben meine Schwester auf den Sitzplatz im ICE, sehe aus dem Fenster die letzten Häuserschluchten Berlins an uns vorbeirauschen. Jette, Tom und Tjark haben sich hinter uns in eine Sitzreihe gequetscht. Ein paar Gesprächsfetzen und Lacher dringen zu uns durch, verraten uns, dass sie sich gerade noch einmal die Promi-Schnappschüsse auf ihrem Handy anschauen.

„Ich glaube, die haben Berlin fast besser gemeistert als wir“, muss ich grinsen. Tatsächlich wird mir jetzt erst so richtig bewusst, dass es das ganze Wochenende kein Gemecker, kein einziges „Ich kann nicht mehr“ oder „Wie lange noch?“ gab. Vielleicht, weil es genau die richtige Mischung aus Spaß, Kultur und Geschichte war. Vielleicht, weil die Museumsbesuche so kinderfreundlich und kurzweilig waren. Und ganz bestimmt auch, weil ihnen diese hippe, trubelige Stadt einfach richtig, richtig gut gefallen hat …














[…] befindet sich auf der Überholspur, wird nicht umsonst gerne auch als die hippe kleine Schwester Berlins bezeichnet. Kein Wunder, steckt die alte Industriestadt doch voller Kultur, Geschichte und […]